„Die Onkelz sind im Haus!“: Wärme, saubere und trockene Räume, ein stabiles Dach über dem Kopf… alles Dinge, die für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich sind. Das wird mir wieder einmal bewusst, als wir zu zwölft an diesem verregneten Samstag durch die Dortmunder Innenstadt ziehen. Mit einer leichten Verspätung und reichlich Gepäck im Auto machen Sandra und ich, Stevi, uns auf den Weg in die drittgrößte Stadt in Nordrhein-Westfalen. Schnell sind wir vor Ort und treffen fast als letztes ein. Dennis, der die weiteste Anfahrt hat, zieht noch nach, um dann gemeinsam mit Albin, Angelika, Chris, Christina, Heike, Helge, Sina, Volker sowie Dirks Ehefrau und uns loszuziehen. Die Sprüche beim wie üblich warmen Empfang übernimmt diesmal unser Alterspräsident Albin. Gut gerüstet und vollgepackt sind wir mit elf Handwagen unterwegs, und dennoch muss einiges im Auto bleiben, weil wir es nicht mehr transportieren können.

Wir beschließen, dass ich zunächst eine Runde über den Bahnhofsvorplatz laufe, um die Aufmerksamkeit der Bedürftigen auf die Truppe mit den grünen Westen zu lenken. „Ey, ’n Onkel!“, „toll, ihr seid wieder da“, „die Onkelzzzzz!“ oder ein herzhaftes „näääääääh!“ mit Grinsen im Gesicht bekomme ich auf dem aufgrund der heutigen Bundesliga-Begegnung des heimischen BVB mit dem FC aus Köln proppenvollen Bahnhofsvorplatz zu hören. Innerhalb kürzester Zeit sind die Bollerwagen fast komplett umstellt, sodass nun jeder hier weiß, dass der B.O.S.C. wieder unterwegs ist. Mir kommt es so vor, als ob die Dankbarkeit der Bedürftigen umso mehr wächst, je kälter und hässlicher es vom Wetter her wird. Auch die Gespräche sind mehr als willkommen, und einige Obdachlose sind sogar zu Späßen aufgelegt. Andere umarmen einfach jemanden als Dankeschön.

Durch das sehr bedeckte Wetter ist es heute manchmal schwierig, durch die Menschenmassen zu laufen, denn wir müssen uns öfters unterstellen. Erfreulich hingegen ist, dass es mittlerweile immer weniger Bedürftige gibt, die einfach ungefragt in unsere Bollerwagen greifen. Ein Bedürftiger kommt zum Wagen, der den Böhsen Onkelz äußerst dankbar ist. Er sei mit ihnen groß geworden, selbst hörte er die Band zu deren Anfangszeiten und bevor sie sich änderten. Viele seiner Freunde mochten nur „die alten Onkelz“ und hörten sie seit den neunziger Jahren nicht mehr. Um hier eine mögliche politische Diskussion zu vermeiden, lasse ich ihn gewähren. Irgendwann höre ich schließlich zu, als er sagt, dass sie gut waren, es sind und immer bleiben werden. Er sei dankbar für die „Entwicklung“ der Band, so der Inhalt des Gesprächs.

Anders als sonst treffen wir heute viele Menschen nicht an ihren Stammplätzen, sondern erst an einer uns bekannten Drogenhilfeeinrichtung am Westrand der City an. Obwohl Albin die Organisation witterungsbedingt auf die Prädikate „gut“ und „schnell“ ausgelegt hat, kommen die Bedürftigen sofort auf uns zu wie ein aufgescheuchtes Wespennest, sodass es uns unangenehm ist, den Anwesenden mitzuteilen, dass sie noch kurz etwas Geduld aufbringen müssen, bis wir uns aufgestellt haben. Trotz Entzug oder Konsum wird dies jedoch verstanden und schnell akzeptiert.

Sobald wir loslegen kann ich gar nicht so schnell hinsehen, da sind die ersten Bollerwagen schon komplett leer. Eine sichtlich nüchterne und nicht konsumierende Frau kommt völlig verängstigt auf mich zu und deutet auf eine gelbe Regenjacke, die zuvor in Sondergröße von Albin beschafft worden war – eigentlich speziell für jemanden, der sonst Probleme hat, solche Jacken zu bekommen, aber wir geben sie trotzdem heraus. Als die Dame die Jacke mit Hilfe angezogen bekommt, bedankt sie sich bei mir mit einem Lied. Ich weiß dies erst nicht recht einzuordnen, aber inmitten von Konsumierenden ist ein solches Solo wirklich herzerwärmend. Bevor sie singt, sagt sie: „Ich habe echt Angst. Vor allem vor Männern“. Ich erwidere: „Ich kann das nachvollziehen, was auch immer dir passiert ist. Pass auf dich auf!“ Dann beginnt sie ihr Solo mit den Worten: „Aber weißt du was? Mir kann niemand was.“, und bittet mich, ihre Hand zu heben, denn während sie singt, bietet sie auch eine Art „Tanz“ mit den Händen dar. Ich kann es nur schlecht in Worte fassen, was solche Gesten mit einem machen.

Irgendwann kurz darauf höre ich meinen Namen und werde gebeten, innerhalb der Einrichtung Wasser zu holen. Dort komme ich mit dem diensthabenden Personal ins Gespräch, einer jungen Dame, die keine Angst hat, dort zu arbeiten und das sogar gerne macht. Man kenne sich und mit der Zeit begleite man den ein oder anderen, so ihre Antwort auf die Frage: „Warum arbeitet jemand wie du hier?“ Schnell entwickelt sich ein gutes Gespräch und trotz des harten Umfelds finden wir auch Dinge, über die wir gemeinsam lachen können.

Von mir zunächst unbemerkt spielen sich draußen zeitgleich hässliche Szenen ab, denn einige Bedürftige sind untereinander in Streit geraten und liefern sich eine körperliche Auseinandersetzung. Die herbeigerufene Polizei ist jedoch blitzschnell vor Ort und kann schlichten. Nachdem sich die Situation beruhigt hat, ziehen wir uns für heute zurück und besuchen fast geschlossen noch unseren Stamm-Dönerimbiss, wo wir unsere vielfältigen Eindrücke von diesem ereignisreichen Tag noch einmal in Ruhe austauschen können.

Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder sogar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.