„In einer anderen Dimension“ – so fühle ich mich an diesem regnerischen Samstag Anfang November in Frankfurt am Main, denn ich, Thorsten, betrete heute erstmalig das berüchtigte Bahnhofsviertel im Herzen der Stadt. Sofort schießt mir die Textzeile „Es ist nicht grad berauschend, was ich hier seh“ durch den Kopf, denn alle Klischees, die ich jemals über diesen Ort gehört habe, sind wahr: Drogenhandel und -konsum auf offener Straße, unzählige Obdachlose in vielen Hauseingängen, Menschen in geradezu erbärmlicher Verfassung, umherziehende Gangs, Streit im Rotlichtmilieu. Natürlich gibt es auch zu Hause im Ruhrgebiet zahlreiche Obdachlose, aber das hier ist eine völlig andere Hausnummer, wahrlich ein „Dunkler Ort“, an dem es heute ein kleines, aber wirkungsvolles „Licht der Hoffnung“ zu entzünden gilt.

Los geht es zuvor mit einem Treffen aller heute im Einsatz befindlichen Nichten und Neffen am Oppenheimer Platz. Von dort aus fahre ich gemeinsam mit Martin, dessen Auto, genau wie das von Volker, vollbepackt mit Lebensmitteln und warmer Second-Hand-Kleidung ist, zur Niddastraße. Mit ganz viel Glück können wir einen der sehr raren Parkplätze in unmittelbarer Nähe der Stelle ergattern, wo bereits zwei Pavillons mit den dazu gehörigen Garnituren aufgebaut sind. Diese teilen wir in einen Stand für Lebensmittel und einen für Kleidung auf. Kurz darauf stoßen auch Bine, Dani, Jackie, Labse, Manu, Oli, Saskia, Stevi, Tanja und Woody dazu. Als unsere Gaben ausgeladen und aufgebaut sind und wir noch etwas Zeit haben, denke ich mir, vielleicht wäre es gut, bevor es losgeht, noch einmal sicherheitshalber eine Toilette aufzusuchen, insbesondere da ich in ca. 50 Metern Entfernung ein fest erbautes Toilettenhäuschen entdeckt habe. Dieses ist jedoch abgeschlossen, und ich frage mich: Wenn ich als nicht bedürftige Person schon nicht die Möglichkeit habe, eine nahe Toilette aufzusuchen – wo verrichten dann die vielen Obdachlosen hier ihre Notdurft?

Pünktlich um 13:30 Uhr starten wir offiziell die Ausgabe und dürfen bereits nach wenigen Minuten die Polizei begrüßen, die gerne die Genehmigung für unsere Aktion sehen möchte. Während nebenan bereits in Windeseile ein großes Gewusel um jede Menge gebrauchter Kleidung entstanden ist, treten die ersten Bedürftigen nun auch an unserer Standseite vor und bekommen von uns Bananen, Schokoriegel, kleine Küchlein, Mandarinen, Eier und Wasser überreicht. Meine anfängliche Sorge, dass es hier aufgrund der rauen Umgebung etwas ruppiger zugehen könnte, erweist sich als unbegründet, denn unsere „Kundschaft“ zeigt jederzeit Respekt und höchste Dankbarkeit, niemand greift einfach so in unsere Kartons und nur ab und zu müssen wir zu ein bisschen Mäßigung mahnen, damit es auch für alle Anwesenden reicht.

Die eigentliche Ausgabe dauert zwar nur eine gute Stunde, aber dennoch bleiben zahllose Gedanken und Eindrücke bei mir hängen. Da ist zum Beispiel der Mann, der geradezu flehend fragt, ob er wohl auch zwei Wasser und zwei Bananen haben könnte, seiner Frau gehe es nicht gut und er wollte ihr etwas mitbringen – diesen Wunsch erfüllen wir ihm natürlich gerne. Ein anderer Herr ist bei strömendem Regen und lausigen Temperaturen nur mit T-Shirt, kurzer Hose und Gummischlappen unterwegs – scheinbar alles, was er noch hat. Ich sehe ihm demütig hinterher, als ich realisiere, dass ich ihm hier wie selbstverständlich mit Mütze, Pullover, Jeans, einer dicken Jacke und wasserfesten Schuhen gegenüberstehe. Bei Saskia bricht eine Frau in Tränen aus, als wir ihr eine kleine Gabentüte überreichen. Sie erzählt, ihr Mann habe sich von ihr getrennt und durch falsche Freunde sei sie in die Obdachlosigkeit und an harte Drogen geraten, sodass es für sie nun keinen Ausweg mehr gibt. Eine andere Dame spricht offenbar nur schlecht oder gar kein Deutsch, aber die Kommunikation funktioniert auch nonverbal, und allein für dieses kurze Funkeln in den Augen aus einem lächelnden, geradezu verschmitzten Gesicht, als wir ihr ein paar Kleinigkeiten übergeben, hat sich die heutige Aktion schon gelohnt. Auch dieser Moment macht mich nachdenklich: Alles, was hier an Lebensmitteln vor mir steht, könnte ich mir einfach so im Supermarkt kaufen, aber für diese Menschen hier ist geradezu jeder Bissen ein kleiner Schatz, und mir wird bewusst, wie gut es mir in meinem Leben bisher eigentlich ergangen ist. Noch verstärkt wird dieser Gedanke, als mein Blick hinüber zur Kleidungsausgabe schweift, und ich ein junges Mädchen wahrnehme, vielleicht 12 Jahre alt, das mit den anderen Bedürftigen um ein paar warme Klamotten buhlt – gerade, wenn man selbst Vater ist, sind das die Momente, die etwas mit einem machen.

Gegen 14:30 Uhr beenden wir unsere Aktion, packen unsere Reste ein und freuen uns, dass wir noch fix das eine Wasser oder die andere Banane an den Mann oder die Frau bringen können. Nachdem die wenigen noch verbliebenen Kisten in den beiden Autos verstaut sind, finden wir uns noch einmal zusammen, besprechen uns und teilen unsere Eindrücke miteinander.

Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder sogar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.