„Die Bedrohung sind wir selbst – also hass‘ ich einfach dich“ – eben nicht! Damit sich Geschichte nicht wiederholt und der Mensch belegen kann, dass er ein denkendes, vernunftbegabtes Wesen mit Reflexionsfähigkeiten ist, das neben Verstand auch über Herz verfügt, genau deshalb sind wir, Jens und ich, unterwegs.

Die Geschichte der Juden in Mainz ist über 1.000 Jahre alt und eng mit der Stadtentwicklung verbunden. Die Stadt ist Teil des SchUM-Städtebundes (Speyer, Worms, Mainz) und war ein mittelalterliches Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Die ersten Pogrome fanden bereits in Zeiten der Kreuzzüge (1065 n Chr.) statt und gipfelten schließlich in den Vertreibungen und der Vernichtung während des Nationalsozialismus. Am 20. März 1942 begann die erste große Deportationswelle von der Feldbergschule in das Ghetto Piaski. Zwischen 1.300 und 1.400 jüdische Mainzerinnen und Mainzer wurden während der NS-Zeit ermordet. Die Synagoge, die man 1912 feierlich eröffnete, wurde 1938 zerstört.

Heute existiert wieder eine lebendige jüdische Gemeinde. 2010 wurde die neue Synagoge am Synagogenplatz (am Standort der alten Hauptsynagoge) eingeweiht, entworfen von Manuel Herz. Die Jüdische Gemeinde Mainz-Rheinhessen ist eine wichtige Institution, die derzeit von Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky betreut wird.

Deshalb sind wir auch gar nicht überrascht, dass wir eine Vielzahl an Stolpersteinen in der Innenstadt sehen – die entsprechende Route haben wir uns mittels MAPS und Internetrecherche im Vorfeld erstellt. So können wir gezielt und treffsicher einen Stein nach dem anderen putzen. Einige sind sehr verdreckt – beispielsweise in der Walpodenstraße. Ein Anwohner des Hauses kommt gerade nach Hause, als wir dort zugange sind. Er spricht uns ein „Danke“ aus und verschwindet in der Haustür. Was mich an einigen Steinen berührt, ist die Tatsache, dass es nicht nur vorgeschobene religiöse Gründe sind, die damals dem Faschismus Vorschub geleistet haben, Menschen zu inhaftieren und zu ermorden. Auf einem Stein lese ich „hat sich kritisch geäußert“. Es fehlte damals also nicht viel und man war weg, so denke ich mir, und mag mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie es mir in einer solchen Zeit ergangen wäre – äußere ich doch stets und ständig meine Ansichten über die Welt, die zumeist auch äußerst kritisch sind.

Jens sagt irgendwann zu mir, dass er diese Art von sozialen Aktionen nicht so häufig machen kann wie beispielsweise die “Licht der Hoffnung“-Aktionen, da ihn das Ganze, die Geschichte und die damalige Zeit, emotional sehr aufwühlt und tief berührt. Ich kann es nachvollziehen, ist es doch mit jedem Stein, den man betrachtet und säubert, eine individuelle Lebensgeschichte, die sich dahinter verbirgt. Und dennoch erfüllt es mich mit einem tiefen Gefühl der Verbundenheit, dass wir diese Menschen in genau diesem Moment wieder zurückholen, weil wir ihnen gedenken und ihnen ihre Würde, die man mit Gewalt genommen hat, wenigstens heute ein Stück weit zurückgeben.

Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder sogar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.