„Geld hilft uns, zu vergessen.“ – Auf der einen Seite gibt es sehr reiche Menschen. Andererseits gibt es Menschen, die hungern, auf der Straße leben und kein Dach über dem Kopf haben. Letzteren wird Mitte Januar in Lübeck zumindest für einen kurzen Moment ein Licht der Hoffnung geschenkt.
Doch von vorne. Wir – meine Verlobte Diana mit unserer Tochter sowie Katja und ich, Marcel – sind heute im Namen des B.O.S.C. unterwegs. Katja kommt dieses Mal zu uns nach Hause, da sie noch einen zweiten Bollerwagen von Andy mitbringt, um unseren Vorrat und die großzügige Clubspende auf beide Bollerwagen gut verteilen zu können.
Von hier aus starten wir zum Lübecker Hauptbahnhof und weiter in Richtung ZOB. Im Durchgangstunnel sehen wir zwei leere Schlafsäcke. Wir machen zwei kleine Lunchpakete fertig. Gerade, als wir diese platzieren wollen, kommt ein Herr, der sich sehr bedankt und sieht, dass wir auch Kleidung haben. Wir geben ihm Handschuhe, eine Mütze und ein Paar Socken in seiner Größe sowie ein Shirt. Die Frage nach warmer Kleidung hören wir heute nicht zum letzten Mal. Jemand erkundigt sich, wer wir sind und ob wir so etwas häufiger machen. Auf unsere kurze Erklärung kommen viel lobende Worte und Wertschätzung von dem Mann zurück. Wir sollen so weiter machen und er freut sich, dass es uns gibt.
Weiter geht es in Richtung Klingenberg. Dort herrscht jedoch noch gähnende Leere, da hier – wie es scheint – gerade ein Pavillion mit Essensausgabe abgebaut wird. Somit machen wir uns auf den Weg in die Breite Straße, wo wir vereinzelt weitere Bedürftige treffen. Viele von ihnen sind froh über einen heißen Kaffee oder eine heiße Terrine, die sie bei den wenigen Plusgraden – die sich wie höhere Minusgrade anfühlten – wärmen. So auch ein malender Künstler, der einige seiner Bleistiftzeichnungen zum Verkauf auf dem Weg ausbreitet, um damit auf der Straße lebend über die Runden zu kommen. Der Mann hat von Dreck und Kälte zahlreiche offene kleine Wunden an den Fingern und fragt, ob wir neben Kaffee und einer Terrine auch Pflaster oder Verbandszeug dahaben. Wir geben ihm ein paar Pflaster. Als sich der Herr etwas aufgewärmt hat, erzählt er, dass er absolut nichts mehr hat, außer einem kleinen Schlafsack und Rucksack. Ihm sei sehr kalt und er bräuchte dringend neue Wechselsachen. Wir statten ihn aus mit T-Shirts von Katja, die sie mitgebracht hat, einer Jeans, die ich noch mitgenommen hatte, sowie jeweils ein Paar neue Handschuhe, einer Mütze und Socken. Da wir auch Unterhosen dabeihaben, frage ich vorsichtig nach, ob er auch dieses Utensil gebrauchen könnte. Der Herr antwortet mit großen Augen: „Sowas habt ihr auch da?“. Nachdem ich die Größe erfragt habe, gebe ich ihm eine passende Unterhose, während Katja schon den nächsten Bedürftigen mit Getränken und Lebensmitteln versorgt. Der Herr bedankt sich unter Tränen bei mir für die Kleidung – insbesondere jedoch für die Unterhose.
Diana unterhält sich derweil mit einem Mann, der Mundharmonika spielt und ihr mitteilt, dass er unter starker Einsamkeit leide und keine Freundschaften mehr finde. Er habe schon vieles versucht wie Familien- und Freizeitzentren oder Parks und Vereine. Leider alles vergeblich. Da mir leider erst später „Die Kampagne gegen Einsamkeit“ des Bundesfamilienministeriums einfällt, hoffe ich, den Herrn wieder zutreffen, um ihm paar Rufnummern mitgeben zu können. Spontan haben Katja, Diana und ich nun gemeinsam die Idee, für ihn einmal bei der Bahnhofsmission zu fragen, denn dort sind ja auch häufig ältere Menschen, die einen Kaffee trinken und sich austauschen wollen sowie möglicherweise die Caritas als Anlaufstelle. Er werde sich diese Ideen einmal merken.
Auch treffen wir wieder auf den Bedürftigen mit der MS-Erkrankung, der meistens in der Breiten Straße vor einem Drogeriemarkt sitzt und ein paar Bücher verkauft. Er braucht diesmal nichts außer einem Ei und einer Banane, über die er sich herzlichst freut und sich dafür bedankt. Er schildert, dass er zuvor von anderen, und zeigt auf einen Infostand, einen Kaffee geschenkt bekommen habe, und auch von einem anderen Bedürftigen Handschuhe gegen die Kälte erhalten habe. Der Herr mit MS kommt dann doch erneut zu uns und fragt, ob er nicht nochmal für später Zucker und Milch bekommen könnte. Natürlich bekommt er beides.
Weiter geht es wieder zurück Richtung Klingenberg. Hier versorgen wir auch noch eine Gruppe von Menschen mit heißem Kaffee und Terrinen. Allgemein merkt man heute die Freundlichkeit und Herzlichkeit der bedürftigen Personen sehr, aber auch den dringenden Bedarf an unseren Spenden.
Wir ziehen dann zurück zum Startpunkt, dem Hauptbahnhof. Dort treffen wir abermals niemanden an. Wir gönnen uns jeder einen Snack und ziehen mit den Bollerwagen Richtung Heimat, als uns noch jemand anspricht. Er sagt: „Ihr seid doch vom Böhse Onkelz Social Club oder?“, was wir bestätigen. Er will wissen, ob wir zufällig Onkelz-Merch dabeihaben, wie es ihn manchmal in anderen Städten gibt. Er hätte sich über noch so ne Kleinigkeit von den Jungs gefreut, aber leider haben wir dieses Mal nichts dabei.
Auch auf dem Weg nach Hause treffen wir niemanden mehr. Wir spüren aber die Kälte, den langen Tag und wissen: Den Bedürftigen geht es noch wesentlich schlimmer. Diese müssen meist die Nacht und viele Tage in dieser Kälte ausharren. So zeigt sich wieder einmal deutlich, wie sehr wir auch über kleine Dinge dankbar sein sollten, die für uns oft so selbstverständlich sind.
Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder sogar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.




