„Hier ist das rettende Ufer – Euer heiliger Hafen“ – Zehn Tage nach Silvester führen wir im westlichen Ruhrgebiet die erste Lebensmittelausgabe im Jahr 2026 durch.
Benni ist um 14:00 Uhr bei Wolle und mir, Nine. Da Jacqueline krankheitsbedingt ausgefällt, hat Benni dankenswerterweise sein Auto zum Transport zur Verfügung gestellt.
Gegen 14:30 Uhr treffen wir dann am eingeschneiten Unterkunftsgelände ein und stellen schnell fest, dass es spiegelglatt ist. Tatkräftig holt Benni Enteisungsspray aus dem Auto und enteist besagte Stelle. Die Rutschgefahr ist gebannt. Zwei zusätzlich mitgebrachte Tische werden dort aufgestellt. Nach und nach treffen dann Patrick, Guido, Tanja, Frank und Mischa an der Unterkunft ein.
Zu unserer Überraschung kommen immer mehr der Bewohnerschaft zu der Tischtennisplatte. Eine besonders große Freude entsteht, als der ehemalige und pensionierte Sozialarbeiter uns besucht. Die Bewohnerschaft ist völlig aus dem Häuschen. Er wird schmerzlich vermisst. Engagiert – wie schon vor seiner Pensionierung – unterstützt er uns, packt mit an und holt die Leute aus ihren Behausungen, sortiert dann die Warteschlange und versucht, die Anliegen der Menschen zu klären. Mir ist das Herz auf der einen Seite aufgegangen, auf der anderen Seite hat es geblutet, weil einfach so spürbar und greifbar ist, wie sehr die Menschen ihn vermissen.
Bei dieser Ausgabe liegt der Fokus der Bedürftigen ganz offensichtlich nicht bei den Lebensmitteln und Hygieneartikeln, sondern bei den Klamotten. Dank des B.O.S.C. haben wir Handschuhe, Mützen, Unterwäsche und Socken dabei. Diese Utensilien, die gespendeten warmen Klamotten und auch die von Patrick mitgebrachten Handtücher werden uns quasi aus den Händen gerissen.
Auffallend sind einige neue Gesichter, die aus einem nahegelegenen ehemaligen Hotel, das ebenfalls eine Art Notschlafstelle ist, zu uns kommen. Der Buschfunk funktioniert und das ist gut so.
Eine traurige Nachricht ist, dass Bewohner Sascha vor einigen Wochen verstorben ist. Er war zwar nicht regelmäßig unser Gast, aber trotzdem finde ich das schockierend. Sascha habe ich letztmalig im Spätsommer bei unserer Ausgabe gesehen. Er wog fast 200 kg und fragte mich, ob es Merch in 8XL gibt. Er hatte – wie der Sozialarbeiter berichtet – Leberzirrhose im Endstadium. Sascha war gerade mal Anfang 40. R.I.P. Sascha.
Wir sind gut zwei Stunden beschäftigt und haben diesen Menschen unsere Zeit geschenkt und sie mit wichtigen Dingen versorgt. Ich persönlich bin nach diesen „nur“ zwei Stunden so durchgefroren, dass mir insbesondere die Füße und Hände wirklich schmerzen und ich aus dem Zittern nicht mehr rauskomme. Und wir haben „nur“ -3 Grad. Auch muss ich massiv an einen in der Stadt sehr bekannten obdachlosen Menschen – Martin, Spitzname „Aquaman“ – denken, der das ganze Jahr in der Innenstadt draußen übernachtet.
Einmal mehr wird mir bewusst, wie selbstverständlich ich zuhause die Heizung anstelle, eine warme Dusche nehme und vorm Kleiderschrank stehe und überlege, welchen warmen Pulli ich heute anziehe. Einmal mehr wird mir vor Augen geführt, wie gut ich es habe und wie klein meine Sorgen im Vergleich zu denjenigen sind, welche obdachlose Menschen haben.
Für mich ist diese Ausgabe ein Ausflug in die Vergangenheit. Als ich mein erstes „Licht der Hoffnung“ in Essen mitgemacht habe – im Winter 2021 – und ich danach heulend zuhause gesessen habe. Das gesehene Elend musste ich erst einmal verarbeiten. Ich weiß nicht, warum mir ausgerechnet heute alles so nah geht, aber die heutige Aktion wird mich noch lange beschäftigen.
Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder sogar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.


