Oh Frankfurt – was bist du hässlich. Nein! Natürlich nicht. Aber es gibt doch einige Plätze, die zudem sehr zentral liegen und wahrlich eine Fratze der Gleichgültigkeit, des Elends und der Verwahrlosung zeigen. Nicht zuletzt hielt es RTL Extra mal wieder für notwendig, sich im Frankfurter Bahnhofsviertel umzusehen und das sich dort ergebende Bild interessierten Zuschauenden zu später Stunde zu präsentieren. Der Realitätsabgleich war verblüffend treffsicher. Doch dazu später mehr.
 
Beginnen wir damit, dass sich an diesem sonnigen Montag – dem letzten im Monat Juli – in der Mainmetropole ab 13 Uhr engagierte Mitglieder des B.O.S.C. – Böhse Onkelz Social Club e.V. an der Konstabler Wache treffen, um die Woche direkt mit einer sozialen Aktion zu beginnen. Das sind: Larissa und Linda, Claudia, Matthias, Guido, Henning, Manuela, Kevin und Melanie, Chris, Heiko sowie Jens und Anne. Mit sage und schreibe sechs Bollerwagen zieht die Gruppe über die Zeil in Richtung Brennpunkt: Frankfurter Bahnhofsviertel.
 
Bereits die ersten Personen können direkt an der Konstabler Wache versorgt werden. Auch auf dem Weg die Zeil entlang – die bei der tags zuvor durchgeführten Aktion wie ausgestorben wirkte – schauen wir nach links und rechts und versorgen Einzelne wie auch kleinere Gruppen mit Kaffee, Hygieneartikeln, Dosenfisch oder Suppen. An einen Mann erinnere ich mich deutlich: Er ist so hungrig, dass er den Dosenfisch direkt vor Ort gegessen hat – mit den Fingern, bis er endlich die Gabel von uns in den Händen hält. Wir geben ihm auch noch ein Paar Schuhe, weil er spärlich bekleidet ist, und er dankt uns, indem er uns Gottes Segen mehrfach mit auf den Weg gibt.
 
Kurz bevor wir das Bahnhofsviertel erreichen, füllen wir erneut unsere Thermoskanne mit heißem Wasser in einem Café auf. Dann ziehen wir weiter zum Bahnhofsvorplatz; ganz bewusst lassen wir die dubiosen Nebenstraßen des Viertels außen vor.
 
An Bahnhofsvorplatz angekommen versuchen wir einen Platz entlang der Häuserfassade zu ergattern, von wo aus wir unsere Ausgabeaktion dann final starten können. Leider klappt das nicht so wie erwartet, denn ein Ladenbetreiber kommt raus und bittet uns, einen anderen Standort zu finden, da er „die Leute sonst nicht mehr vor dem Laden wegkriege“. Diese Perspektive ist einleuchtend, macht sie uns dennoch direkt mit einer hier herrschenden Realität vertraut.
 
Kurz nachgedacht und schnell improvisiert – denn mittlerweile wissen alle Anwesenden, weshalb wir da sind, und scharren bereits mit den Füßen: Wir stellen uns mit den Bollerwagen in einem Kreis auf. Wir Verteilenden können dann im Inneren stehen und unsere Zielgruppe kann einmal im Kreis jeden Bollerwagen begutachten und entlanggehen und erhält dann, was er oder sie benötigt.
 
Das funktioniert dann auch echt super und im Nu leeren sich die Wagen. Während der Aktion blende ich das andere aus. Das andere sind Crack-rauchende Menschen, die mehr als unwürdig auf der Straße liegen. Das andere sind aber auch ganz „normale“ Passanten, die von A nach B hetzen. Auf einmal stehen zwei Kinder vor mir, die gerne Süßigkeiten haben möchten. Ich gebe natürlich bereitwillig und bin dennoch geradezu schockiert, sie hier anzutreffen. Eine Frau ist glücklich, weil wir Hygieneartikel dabeihaben. Sie erzählt, dass sie nun in den Wechseljahren ist und fortlaufend Damenbinden benötigt.
 
Eine andere Frau ist so erfreut über die Kleidung, die wir bei uns haben, dass sie diese vor Ort direkt anprobiert. Als sie fertig – neu eingekleidet – vor uns steht, sieht sie aus wie eine nahezu tadellos gekleidete Person, die bei einem Bewerbungsgespräch sicher einen sehr guten Eindruck machen würde. Ich wünsche ihr in Gedanken die Kraft und das Glück, noch einen Ausstieg aus ihrer aktuellen (Drogen-) Situation zu finden – bevor sie ganz verbraucht sein wird.
 
Als unsere Wagen dann leer sind, kommt noch eine Frau um die Ecke, die ganz begeistert ein Onkelz Lied trällert: „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt…“ Sie begleitet uns auf den Weg zur Bahnhaltestelle und wir reden noch über die Band und die Musik und über Kevin. Auch sie bedankt sich bei uns wie alle anderen zuvor auch – obwohl wir für sie nur noch unsere Ohren haben und die Zeit, die wir ihr für das Gespräch schenken.
 
Die Gruppe trennt sich am Ende dieser gelungenen und sehr intensiven Aktion am Hauptbahnhof. Und der ein oder die andere plant möglicherweise da bereits die nächste Aktion – in Frankfurt oder einer anderen Stadt… Nichtsdestotrotz verabreden sich die Mitglieder für den heutigen Abend am Treffpunkt „Das Bett“, um den Tag mit einem fulminanten „Der W“ Konzert abzurunden.
 
Wenn auch Du Lust hast, eine solche Aktion zu unterstützen oder gar selbst zu planen und durchzuführen, melde Dich unter https://mein.bosc.de an.